Kann man Yoga verkaufen?

Über die Kommodifizierung von Yoga in der westlichen Welt*

Yoga ist mittlerweile in Deutschland und der westlichen Welt fest verankert. Dabei schwankt das Angebot von sportlichen Workouts bis spirituellen Retreats. Yoga ist beheimatet in der Region Indiens und kam erst Ende des 20. Jahrhunderts in die USA und damit in die westliche Welt. Wenn ich hier vom Westen spreche, dann beziehe ich mich hier vor allem auf die USA und Deutschland (Deutschland als europäischer Vertreter). Yoga ist ursprünglich eine Philosophie und eine Männerpraxis. Im Westen jedoch rückte schnell der körperlich-sportliche Anteil in den Fokus und wird eher von Frauen ausgeübt. Das vielfältige Angebot zwischen esoterisch-spirituell, therapeutisch und sportlich wird immer beliebter. Mir fiel vor allem mit Beginn der ersten Lockdowns auf, dass Yoga nun noch mehr in den Fokus als „heilender Sport“ rückte. So kam ich zu der Frage: Kann und darf man Yoga verkaufen? Und was wird da eigentlich verkauft?

Was ist Yoga im Westen?

Yoga tauchte vor 4.000 Jahren als Philosophie im heutigen Indien auf. Man sagt, dass die Yogatradition mit den Vedas (hinduistische Texte) beginnt, die 2000-1500 Jahre vor Christus am Sarasvatifluss entstanden. Seitdem gab es aber keine lineare Ausübung, sondern Yoga veränderte sich. Heute verknüpfen wir vor allem den Buddhismus mit Yoga, obwohl es weitere kulturelle Verknüpfungen gibt, wie zum Beispiel den Jainismus. In meiner Ausbildung zur Vinyasayogalehrerin befasste ich mich vor allem mit den Sutras und den acht Säulen des Yogas, die auf den Philosophen Patanjali zurückgehen. Diese acht Säulen sind dazu da, eine Art Anleitung zu geben wie man sich vom Leben in einer Gemeinschaft über sich selbst bis hin zu einem dem Bewusstsein übergeordnetem Stadium entwickeln kann.

Die dritte Säule bezieht sich auf die Asanas. Asanas sind körperliche Yogaübungen. In der westlichen Welt wird der Fokus vor allem auf diese Säule gelegt. Überspitzt könnte man daraus folgend behaupten, dass wir lediglich 1/8 des Yogas praktizieren. Gleichzeitig gibt es auch eine Art spirituelle Gegenbewegung. Die Meditation wird immer populärer, jedoch üben wir sie auch meistens als eine Praxis. Die Meditation, die in den acht Säulen an Stelle sieben auftaucht, ist jedoch ein Bewusstseinszustand. Demnach kann er nicht ausgeübt, sondern nur erfahren werden. Auch Pranayama wird immer populärer. Pranayama ist die vierte Säule und es handelt sich um Atemkontrolle, also Übungen mit dem Atem, die sich als Folge auf den Körper und den Geist auswirken. Betrachtet man diese Pfade als ausgeübt, so kommt man trotzdem nur auf 3 von 8 praktizierten Säulen. Diese Behauptung stelle ich über die meisten yogapraktizierenden Menschen auf. Natürlich gibt es aber auch andere Menschen, die sich auch dem philosophischen Teil des Yoga widmen und mehr als 1-3 Säulen tatsächlich praktizieren.

Was ist also Yoga im Westen? Meiner Ansicht nach etwas anderes als es in seinem Ursprung war und ist. Dies liegt einmal an den tausenden Jahren kultureller Entwicklung und andererseits an der kulturellen Aneignung durch westlich geprägte Yogapraktizierende. Zu dieser Gruppe gehöre auch ich. Vor dem beschriebenen Hintergrund definiere ich Yoga wie folgt: Yoga ist eine ganzheitliche Lebensphilosophie. Was jede*r einzelne daraus macht, ist eine andere Geschichte. Das wichtigste ist meiner Ansicht nach, dass man die Wurzeln des Yoga ehrt und respektiert (alleine schon aus Respekt vor den Menschen, für deren Kultur Yoga seit Jahrtausenden eine Rolle spielt) und Yoga gleichzeitig bewusst an die aktuellen Lebensumstände und individuellen Möglichkeiten anpasst. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Geistiger und körperlicher Praxis. Innen und Außen. Außerdem berührt man mit einer ganzheitlichen Betrachtung von Yoga Themen, die auch in der Politik Debatten hervorrufen, etwa: Gender, inklusive Sprache oder wie viel kulturelle Aneignung gut sei. Man könnte sagen, Yoga ist aktuell!

Inwiefern ist Yoga kommodifiziert?

Als Kommodifizierung bezeichnet man das zur Ware Werdens, also den Prozess der Kommerzialisierung. Kommerzialisiert wird hier in meinen Augen Yoga als Kultur und Philosophie, indem nur Teile dieser Kultur und Philosophie massentauglich aufbereitet und verkauft werden.

Als Yogalehrerin biete ich Yogaunterricht in verschiedenen Formen an. Dabei verlange ich auch Geld als Gegenleistung für meine investierte Zeit und die Weitergabe meines Wissens, die Zeit benötigt. Was ich meiner Meinung nach nicht verkaufen kann, ist Yoga als Philosophie, also das angeeignete Wissen an sich. Ich stehe somit selbst in einem Spannungsfeld zwischen Lebensunterhalt und dem Vermitteln eines nicht verkäuflichen Kulturproduktes. In diesem Spannungsfeld befinden sich fast alle Yogalehrenden. In meinem Artikel „Yogalehrende in Deutschland. Ein Beruf zwischen Lebensunterhalt und Lebensqualität.“ gehe ich auf dieses Spannungsfeld genauer ein. Ich interviewte Yogalehrende aus verschiedenen Regionen Deutschlands und befragte sie zu ihrer Berufung. Allen Befragten war gemein, dass sie ihre eigenen Erfahrungen weitergeben wollen.1 Oftmals findet man sich als Yogalehrende*r in einem Zeit gegen Geld Austausch, der auch einen Wissen gegen Geld Austausch darstellt. Ich denke, gerade wegen diesen zwei äußerst wertvollen Gütern (Zeit und Wissen), ist es schwer Yoga überhaupt zu bepreisen. Das funktioniert besser in der Sportbranche. 60 Minuten Training kosten X€. Was verkauft wird ist ein Training oder die Benutzung einer Fitnessanlage.

Vor allem im Produktbereich (zum Beispiel auf Duschgel, ätherischen Ölen oder Tee) taucht das Wort Yoga immer häufiger auf. 2016 erklärte Herr Prof. Dr. Hinkofer der Media School an der Hochschule Fresenius München in einem Interview, dass man von einer Kommerzialisierung des Yoga sprechen könne. Auch er betont in diesem Interview, dass er Yoga als eine Lebensphilosophie sehe und man mit Zunahme von „Yogaprodukten“ und immer kürzer werdenden Ausbildungen, auch an die schwindende Qualität denken müsse. Die Kommerzialisierung bedrohe damit das was die Philosophie ausmache.2

Kann man Yoga verkaufen?

Für mich ist Yoga eine Lebensphilosophie, ein Lebensstil. Diesem Lebensstil liegt eine Kultur zu Grunde, die nicht meine „Ursprungskultur“ ist und von der ich weder alles übernehmen möchte, noch sie nachahmen will. Dass Yoga, wie andere kulturelle (vom Menschen gemachte) Erscheinungen auch, in die Welt gelangt, ist weder neu, noch erstaunlich. Auch, dass kulturelle Feste, Rituale und Darbietungen für Geld angeboten werden ist längst akzeptiert. Eine Frage, die ich mir immer stelle ist: Zeigen diese Menschen mir ihre Kultur, weil sie es wollen, oder weil sie das Geld brauchen, dass man ihnen dafür gibt? In vielen Fällen vermutlich beides. Einerseits wird Kultur erhalten, andererseits werden Menschen dafür entlohnt. Yoga hat sich verselbstständigt und ist längst nicht mehr an einen geschlossenen kulturellen Kreis geknüpft, der es zeigt und lehrt. Ich selbst lernte in einer amerikanischen Yogaschule. Ich entschied mich bewusst für diesen westlichen Blick auf Yoga und kommuniziere das auch offen.

Was mich etwas stört, ist das Nachahmen ohne Hintergründe zu kennen. Beispielsweise massenweise Räucherwerk (natürlich mit dem Namen „Yoga“) zu verbrennen, oder wenn Meditation in einem Wochenplan eines Fitnessstudios auftaucht. Ich sage auch nur „etwas“, denn der Grad zwischen dem individuellen Ausdruck von Yoga (individueller Lebensstil) und dem blinden Nachahmen, weil es Trend ist, ist oft schmal. Es ist auch nicht meine Aufgabe über eine Yogapraxis zu urteilen. Was mich stört ist, dass viele erst gar nicht versuchen nach außen hin zu definieren was Yoga für sie bedeutet. Letztlich ist aber das vielleicht auch das Gute, denn das was damit oft verkauft wird, hat außer vier Buchstaben nichts mit Yoga in einem kulturellen Sinne zu tun. Streng genommen, wird Yoga damit auch nicht verkauft.

Wie wahnsinnig unterschiedlich Yoga interpretiert (und verkauft) werden kann, zeigt der Film „Wem gehört Yoga“.3 Yoga wird gleich zu Beginn als Sport mit Wettkampfgedanke gezeigt. Ausgehend davon begibt sich Bhanu Bhatnagar auf die Suche danach wem Yoga gehört. Er selbst ist Inder und sieht Yoga als das Kulturerbe seines Landes. Er beweist große Offenheit gegenüber sämtlichen Yogastilen und bemerkt, dass Yoga einer straken Transformation unterliegt. In diesem Film werden viele Themen aufgegriffen, die alleine bereits einen Film wert wären, wie indisches Kulturerbe, christliches Yoga, aber auch Missbrauchsskandale. Yoga ist verknüpft mit Bewegungen wie dem Tierschutz, Vegetarismus und Veganismus. Es gibt sportliche Mischpraxen wie Boxen und Yoga oder Wrestling und Yoga. Für mich war die Kernaussage des Filmes die folgende: Yoga ist längst kein Singular mehr. Wie auch Kultur ist es ein Plural, der viele Facetten kennt. Einige dieser Facetten lassen sich kommerzialisieren. Der Preis für Yoga ist nicht in Münzen und Scheinen zu messen. Philosophie und Kultur sind keine verkaufbaren Produkte. Das, was wir daraus machen, nur das lässt sich verkaufen.

Meine Meinung

Ich bin generell keine Freundin von dem Wort Yoga auf Produkten, die nicht unmittelbar damit zu tun haben (Yogamatten zum Beispiel). Wie riecht oder schmeckt Yoga? Wie fühlt sich Yoga an? All das sind für mich sehr individuelle und subjektive Fragen, die ein Massenprodukt nicht beantworten kann. Es gibt aber nicht nur unzählige Produkte, sondern auch Yogastile. Ich lernte während meiner Yogaausbildung, dass ich alle anderen, die sich Yogalehrer*in nennen (ob mit oder ohne Zertifikat) zumindest akzeptieren solle. Aber heißt das, dass ich sie gut finden muss? Nein! Und das tue ich auch nicht. Ich akzeptiere alles was anderen Individuen gut tut. Ich selbst halte von einigen Yogastilen gar nichts. Falls du dich jetzt fragst von welchen, nun, ziemlich alle bei deinen es darum geht sich öffentlichkeitswirksam zu verrenken und am besten noch bei hohen Temperaturen dabei schwitzt. Ich schwitze manchmal beim Yoga und ich liebe hohe Temperaturen, aber das sind für mich zwei unterschiedliche Aspekte meines Lebens. Einmal widme ich mich den Asanas und einmal liege ich mit einem Tequila Sunrise am Strand. Kann auch Yoga sein, hat aber nichts mehr mit den Asanas zu tun. Nachdem ich einen Spiegel-Artikel las,4 wusste ich auch, dass mein persönlicher Yoga-Albtraum einen Namen hat. Entscheide bitte selbst was du davon hältst! Für mich ist das eindeutig Kommerzialisierung und Kommodifizierung. Yoga als Marke.

Ich werde weiterhin achtsam mit der Yogaphilosophie umgehen und immer wieder hinterfragen was ich tue und selbst lehre. Ich werde weiterhin für meinen Yogaunterricht Geld nehmen und selbst bezahlen, aber ich werde deutlich machen was ich verkaufe und was meine persönliche Definition von Yoga ist. Außerdem möchte ich selbst immer weiter lernen und somit selbst ewige Schülerin zu sein. Schülerin einer nicht-verkaufbaren, nur aneigenbaren Kultur, die meine eigene ergänzt.

Quellen

1 Stefanie Heider: Yogalehrende in Deutschland. Ein Beruf zwischen Lebensunterhalt und Lebensqualität. In: Jan Hinrichsen, Monique Scheer (Hg.): Forme(l)n des guten Lebens. Ethnografische Erkundungen alltäglicher Aushandlungen von Glück und Moral. TVV-Verlag, 2019. S.47-59.

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